Es gibt viele Beschreibungen der Hölle. Meistens wird sie mit riesigen Krematorien und grausamen Engeln dargestellt, die ihren Plan ausführen. Aber wenn Rivka Kamhi-Jakobi (81) die Hölle beschreibt, die sie als Kind im Zweiten Weltkrieg in Griechenland erlebt hat, beschreibt sie sie als einen Ort, an dem viele gute Seelen zu finden sind.
Die jüdische Familie Kimhi
Rivka wurde in Athen als jüngste Tochter der Familie Kimhi geboren. 1943, als sie sechs Jahre alt war, besetzten die Deutschen die Stadt (die zu dieser Zeit unter italienischer Besatzung stand) und ihr Leben hat sich innerhalb eines Augenblicks vollkommen verändert. Sie wuchs als verwöhntes Kind, in einem wohlhabenden Elternhaus auf, mit einer Hausangestellten, die ihrem Vater die Schuhe auszog, wenn er von der Arbeit nach Hause kam. Doch plötzlich musste sie mit ihrer Familie in einem Pferdewagen in ein Dorf fliehen, in dem es weder Strom noch fließendes Wasser gab. Dort versteckten sie sich bis zum Ende der Besatzung und lebten unter falscher Identität ein Leben in Entbehrung, wobei sie sich gänzlich abhängig von der Hilfsbereitschaft der Einheimischen waren.
Wenn Rivka an ihre Vergangenheit denkt, kommen ihr die Erinnerungen in Blitzlichtern zurück. „Ich erinnere mich, dass es während der italienischen Herrschaft, noch vor der deutschen Besatzung, eine schwere Hungersnot in Athen gab. Meine Mutter, die in den ersten Wochen schwanger war, holte sich eine Nudelmaschine von der Nachbarin. Auch Medikamente waren schwer zu bekommen, da die meisten an die Front geschickt wurden. Das Baby war ein Wunder für die Familie, aber sie machten sich Sorgen: ,Was, wenn es krank wird und sie keine Medikamente haben?’ Es wäre sehr schwer gewesen, es in einer Höhle zu verstecken, ohne entdeckt zu werden.“
„Ich habe mich immer gefragt, was ich getan hätte, wenn ich während des Holocaust Mutter gewesen wäre. Wie hätte ich mein Baby stillen sollen? Alle Mütter mit Säuglingen hatten die gleichen Sorgen: Wo sollten sie das Baby verstecken, wenn der Krieg ausbrach, und wie sollten sie es beruhigen, wenn es im Versteck zu weinen begann?“
Wie alles begann…
„Ich erinnere mich, dass ich wie jedes Jahr mit meiner Mutter und meinem Bruder in ein Ferienort fuhr. Es war November 1943. Mein Vater kam auch für das Wochenende zu uns. Dann sagten unsere Eltern plötzlich, wir müssten in ein Dorf fliehen. Wir machten uns sofort auf den Weg, zu Pferd über einen steilen Anstieg auf einer unbefestigten Straße. Bis heute verstehe ich nicht, wie das Pferd diesen Weg bewältigen konnte. Um zwei Uhr morgens kamen wir in einem kleinen Haus im Dorf an: ich, meine Eltern (Avraham und Shulamit), meine Großeltern (Yechiel und Rivka), mein Bruder Yechiel, der zwei Jahre älter war als ich, und mein Onkel Rafael. Als wir ankamen, öffneten uns Menschen, die uns völlig fremd waren, ihre Türen. Sie luden uns, in ihr kleinen Haus ein gemeinsam mit ihnen zu Abend zu essen, als wäre das das Natürlichste der Welt.“
Jahrelang erzählte Rivka Jakobi von diesen Erinnerungen aus ihrer Kindheit. Zunächst erzählte sie diese Erinnerungen ihren eigenen Kindern, als wären es bloße Märchen oder Gutenachtgeschichten. Als sie jedoch älter wurden, luden sie sie am Holocaust-Gedenktag in die Schule ein, um ihre Geschichte auch hier zu erzählen. Bis heute sieht sie es als ihre Aufgabe an, die Welt über den Heldenmut der Dorfbewohner und ihre Lektionen, die sie daraus für ihr Leben gelernt hat, zu informieren.
„Immer wenn die Deutschen das Dorf überfielen, läuteten die Partisanen die Kirchenglocken und schickten eines der Kinder, um uns in eine Höhle in den Bergen zu bringen. Die Kinder bedeckten den Höhleneingang mit Ästen, damit wir nicht entdeckt wurden. Ich erinnere mich nicht an Traumata, ich erinnere mich nicht an Angst. Nur an das Stück blauen Himmels, das durch die Äste schien.“
Pastor Athanasoulis & Das Leben im Dorf
„Am Sonntag nach unserer Ankunft ging mein Vater in die Kirche, weil wir christliche Urkunden hatten. Der Pastor, Nikolaos Athanasoulis, bat ihn, für eine Weile hinauszugehen. Mein Vater ging hinaus, blieb aber hinter der Tür stehen. Er hörte, wie der Priester zu den Leuten sagte: „Jeder weiß, dass eine Familie aus Athen ins Dorf gekommen ist. Sie sagen, sie seien Christen, aber wir alle wissen, dass sie es nicht sind. Die Deutschen werden kommen und euch eine Tüte Zucker oder Mehl anbieten, damit ihr diese Familie verratet. Ich warne euch, wenn jemand über sie spricht, werde ich euer Haus niederbrennen. In meinem Dorf wird es keine Informanten geben!“
Der derzeitige Pastor, Panagiotis Theodorou, hört die Geschichte zum ersten Mal und die Aufregung in seinem Gesicht ist deutlich sichtbar.
„Der Geist des Priesters ist bis heute im Dorf geblieben. Jeder Fremde, der hierherkommt, wird mit offenen Armen empfangen. Auch die Albaner erhielten Essen, Kleidung und einen Platz zum Schlafen.“
Der Pastor war auch als Dorflehrer tätig. Rivka erinnert sich, wie er nach dem Sonntagsgottesdienst die Kirchenbänke entfernte und stattdessen kleine Stühle aufstellte, um die altersgemischte Klasse zu unterichten, da das Schulgebäude von den Partisanen genutzt wurde. Rivka und ihr Bruder nahmen an diesem provisorischen Unterricht teil. Sie saß mit den Kleinkindern in den vorderen Reihen, und Yechiel saß etwas hinter ihr. Der Pastor passte den Unterricht dem Alter und dem Wissensstand der Schüler an.
„Eines Tages, nach der Schule, ging der Pastor weg und alle Kinder blieben allein zurück. Plötzlich umringten alle meinen Bruder Yechiel, nahmen eine Glasflasche und bedrohten ihn:
‚Wir werden dich töten, so wie du Jesus getötet hast.‘
Ich stand wie versteinert da. Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Ein Kind rannte zum Priester und erzählte ihm, was vor sich ging. Der Priester kam und stellte das Kind, das ihn geholt hatte, neben die Kinder, die meinen Bruder bedrohten, und sagte: ‚Das sind die bösen Kinder, das ist der gute Junge.‘ Seine Botschaft war klar und deutlich, und alle verstanden sie.“
Athanasoulis hatte zehn Kinder. Seine jüngste Tochter die heute 97 Jahre alt ist konnte nicht an der Zeremonie teilnehmen, aber seine Enkelkinder kamen, um die Auszeichnung in seinem Namen entgegenzunehmen. Eine von ihnen ist Aliki Athanasouli (79), die Rivka während ihres Besuchs in Kryoneri nach 74 Jahren wieder traf. „Wir waren echte Freunde“, sagte sie. „Ich erinnere mich, dass wir zusammen gespielt haben. Mein Großvater sagte uns: ‚Ihr müsst euch um diese Familie kümmern.‘
Ihr wart Teil unserer Familie. Eines Tages fühlte sich euer Bruder Yechiel krank. Ihr musstet in die Höhle fliehen, aber meine Mutter sagte eurer Mutter, sie solle ihn bei uns lassen. Mein Vater war auch krank, also lagen sie zusammen im Bett. Dann sagte meine Mutter mir, ich solle Yechiel ,mein Bruder‘ nennen. Als die Deutschen kamen, fragten sie meine Mutter: ,Wer ist dieser Junge?‘ Sie antwortete: ,Mein Sohn.‘ “
Ein Buch für die Nachwelt
Avi Jakobi (57), der älteste Sohn von Rivka, schrieb vor sechs Jahren zusammen mit seinem Bruder Ido ein Buch über seine Familie, in dem auch einige Geschichten seiner Mutter enthalten sind.
„Als Kinder haben wir diese Geschichten romantisiert. Erst jetzt, wo wir hier sind und die Menschen treffen, kann ich wirklich verstehen, welches Risiko sie für uns eingegangen sind. Ich versuche mir vorzustellen, wie meine Großmutter mit den Müttern der Frauen, die jetzt hier sind, zusammenlebt. Es überrascht mich, wie wichtig unsere Geschichte für sie ist. Sie ist ein Teil von ihnen, genauso wie sie ein Teil von mir ist.“

